„Jeder Stadtteil muss seinen Weg finden“

Auftaktveranstaltung - 27.09.2008 111Ein Gespräch mit Hans Müller (Geschäftsstelle Pflegekonferenz und Seniorenbeirat) und Stefan Ernst (Arbeitsgruppenleiter in der Pflegeplanung) vom Amt für Soziales und Wohnen. 16 Beratungs- und Begegnungszentren (BBZ) gibt es in Duisburg, hinzu kommen 25 Seniorentreffs (ST). Sie alle wenden sich mit ihren Angeboten an die Generation 50-plus. Ihr Auftrag: Treffpunkt, Beratung und Hilfestellung für die älteren Bewohner des Stadtteils anzubieten. Doch besonders die „Älteren“ mit Migrationshintergrund sind schwer zu erreichen.

Stefan Ernst und Hans Müller kennen dieses Problem schon lange. Sie sind Mitarbeiter im Amt für Soziales und Wohnen, von wo aus die BBZ und ST nicht nur mitfinanziert, sondern auch koordiniert werden. Was sie zum Dreh- und Angelpunkt des Projektbausteins „Offene Altenhilfe“ im Rahmen des ISI-Informationssystems macht.
„Dass die Zugewanderten die Beratungsangebote nicht nutzen, liegt auf der Hand“, sagt Hans Müller. „Es kommen sehr wenige“, stellt auch Stefan Ernst fest.

„Ich bin mir sicher, dass es mehr sind, die Beratung brauchen.“ Umso höher das Alter der BBZ-Besucher sei, desto niedriger falle der Migrantenanteil aus. Was nicht nur an einer gewissen Hemmschwelle zu deutschsprachigen Institutionen liegt, sondern auch an der einfachen Tatsache, dass es noch nicht allzuviele ältere Migranten gibt. Doch die Zahlen ändern sich. Während es im Jahr 2000 nur 4100 Nichtdeutsche ab 65 Jahre in Duisburg gab, werden es im Jahre 2010 den Berechnungen zufolge 9900 sein. Die Zahl der Über-80- Jährigen mit ausländischem Pass wird sich im selben Zeitraum von 400 auf 800 verdoppeln.

„Wenn wir die demografische Entwicklung betrachten, kommen wir um dieses Thema nicht herum“, sagt Stefan Ernst. Auch wenn immer mal wieder Aktionen gestartet wurden, um türkische, afrikanische oder arabische Einwanderer auf das Angebot aufmerksam zu machen – mit Grillfesten, gemeinsamem Fastenbrechen etc. – so richtig funktioniert hat es bisher nicht. So zählten die BBZ-Leiter 2005 lediglich 80 Personen aus diesem Besucherkreis – in allen Einrichtungen.
„Verschwindend gering“, nennt Stefan Ernst diese Zahl. Dennoch sei es nicht so, dass es in den BBZ und ST keine Menschen mit Mirationshintergrund gebe, so Hans Müller. Sie würden jedoch eher von europäischen Zugewanderten genutzt. Stefan Ernst: „In einem BBZ treffen sich Polen, in einem anderen Spanier oder Russland-Deutsche.“ Dies sei vom Standort abhängig. Und das werde vielleicht auch so bleiben, denn ein Patentrezept für alle BBZ und ST werde es auch in Zukunft nicht geben.

„Wir haben den Einrichtungen auf die Fahnen geschrieben, sich nach ihrem Ortsteil zu richten“, sagt Stefan Ernst. Welche Bewohner habe ich? Welche historische Entwicklung liegt vor? Dies seien die Fragen, nach denen die Mitarbeiter vor Ort ihre Angebote auszurichten hätten. „Wir können nicht sagen, jetzt machen wir in jedem Ortsteil dasselbe“, sagt Hans Müller, „das geht nicht. Die BBZ müssen der Spiegel ihres Stadtteils sein“. Es werde auch in zehn Jahren Standorte geben, „die nicht die Notwendigkeit haben, spezielle Angebote für diese Bevölkerungsgruppe zu machen“, so der Sachgebietsleiter. „Jeder Stadtteil muss seinen Weg gehen“, fügt Stefan Ernst hinzu.

Neben der individuellen Ausrichtung der einzelnen Einrichtungen ist den Experten vom Amt für Soziales und Wohnen etwas weiteres besonders wichtig: Dass es auch bei der Teilnahme an diesem Projekt nicht darum geht, Nischen zu schaffen, parallele Angebote zu kreieren – und somit in letzter Konsequenz eine Parallelgesellschaft zu fördern. Hans Müller erklärt es so: „Es geht ja nicht darum, zum Beispiel lediglich isolierte Demenzgruppen für Migranten zu schaffen, sondern es soll geschaut werden, dass alle die bestehenden Angebote nutzen.“ Hierfür müssten Brücken zu den Migranten gebaut werden. „Unser Ziel ist Integration“, sagt Stefan Ernst, „dass ein pflegender Angehöriger sich traut, mit seinem dementen Elternteil ins Cafe zu kommen“.

Ob das Projekt „Offene Altenhilfe“ sie diesen Zielen näher bringen wird, sei zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig offen. „Das Projekt ist der Anstoß“, sagt Stefan Ernst, „das Pflänzchen wird in einem Standort wachsen und gedeihen und woanders vielleicht eingehen“. Auch Hans Müller blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: „Vielleicht wird es Veranstaltungen geben, bei denen jeder unter sich bleibt, vielleicht mischt es sich auch. Das wäre natürlich der Volltreffer“.

Eine andere, für ihn vorstellbare Alternative: Dass eine Art „Backoffice“ für die Migrantenselbstorganisationen (MSO) entsteht, das heißt, dass deren Vertreter lernen, wann sie Hilfesuchende wohin vermitteln können. Wichtig sei nur, dass die Angebote die Menschen erreichen. Hierbei sei in Zukunft besonders die Mitarbeit der MSO wichtig. „Alles steht und fällt mit ihrer Beteiligung“, sagt Stefan Ernst. Das aktuelle Projekt sei nur „der Stein, den wir ins Rollen bringen. Es ist ein langwieriger Prozess, jeder kleine Schritt zählt.“ Zumal kein zusätzliches Geld zur Verfügung stehe. „Die Mittel sind gedeckelt“, sagt der Sozialpädagoge, „wir müssen gucken, wie wir damit alles hinbekommen.“

Ihr Wunsch sei es, so fassen Stefan Ernst und Hans Müller abschließend zusammen, dass sich die Erfahrungen der vier an dem Projekt beteiligten BBZ auf die anderen Standorte übertragen. Dass auch die anderen ermutigt werden, neue, kreative Wege zu gehen, um auch jene Bewohner ihres Stadtteils zu erreichen, die sie bisher nicht erreicht haben. Damit wäre schon sehr viel erreicht.

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