ARIC NRW veröffentlicht Ratgeber zur selbstkritischen Arbeit mit Geflüchteten

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„Erkennen Lernen: Rassismus, Diskriminierung, Traumata und die eigenen Vorurteile in der pädagogischen Arbeit mit Geflüchteten“ – so der Titel der Handreichung, die ARIC-NRW (Anti-Rassismus Informations-Centrum)  herausgegeben hat.

“Geflüchtete Menschen in Deutschland sind unterschiedlichen Facetten von Diskriminierung ausgesetzt”, schreibt Gülgün Teyhani im Vorwort zu diesem Ratgeber. Und “trotz ihrer Flucht- und Kriegstraumata (…) erleben (sie) hier weitere Demütigung, Benachteiligung, Diskriminierung und Rassismus.” Die Mitarbeiterin vom Verein ARIC- NRW  und Verantwortliche für die Publikation weiß, wovon sie spricht. Seit 1994 unterstützt ARIC als Anlauf- und Beratungsstelle Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

Vor diesem Erfahrungshintergrund hat sich ARIC auf den Weg gemacht, das Thema Diskriminierung und Rassismus “aus unterschiedlichen Perspektiven zu durchleuchten”. Im Fokus stehen dabei Sprach- und Integrationskurse und pädagogische Arbeitsfelder. Die Handreichung ist im Rahmen des Projekts “Das (Nicht-)Erkennen von Traumata – Stereotype und Vorurteile gegenüber Geflüchteten als Erklärung für ‘verweigerndes Lernverhalten’” entstanden. Und sie ist die Grundlage für die Trainingsmodule, die ARIC gemeinsam mit den beiden Expertinnen und Autorinnen des Ratgebers erarbeitet hat.

Vorschnelles Urteilen kann diskriminierende Effekte haben
Die Erwachsenenbildnerin Isabell May und die Psychologin Dileta Sequeira setzen sich in dieser Veröffentlichung kritisch mit Bildungsangeboten für geflüchtete Menschen auseinander. Genauer: Es geht ihnen um das “Wie”. Wie sind die Lernbedingungen in den Kursen, wie ist der Umgang der Lehrenden mit geflüchteten Menschen, wie können Pädagogen eigene Vorurteile erkennen? Kenntnisreich und praxiserfahren beschreiben die Expertinnen Aspekte in der alltäglichen pädagogischen Arbeit, die zu Unverständnis und vorschnellen Urteilen seitens der Lehrenden führen und diskriminierende Effekte haben können. Ergänzt sind die detaillierten praktischen Schilderungen mit fundiertem theoretischen Wissen, so dass sich die Handreichung auch wie eine Studie liest.

Die Autorinnen laden die Leserinnnen und Leser dazu ein, sich in der pädagogischen Arbeit mit geflüchteten Menschen stets selbst kritisch zu betrachten und die eigenen Denkweisen und Überzeugungen zu hinterfragen. Denn allzu schnell würden Menschen pauschal einer Gruppe zugeordnet, ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die nicht immer etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben. “Als Praktiker*in in der Arbeit mit Geflüchteten ist es (…) geboten, sich eigene homogenisierende Tendenzen bewusst zu machen und sich die Individualität der Personen vor Augen zu führen”.

Ausgrenzung hat Auswirkungen auf Persönlichkeitsentwicklung
So könne beispielsweise die vorrangige Einschätzung von Kindern und Jugendlichen “mit Migrations- und speziell mit Fluchthintergrund” als defizitär und förderbedürftig zu Vorurteilen führen. Werden sie pauschal in Förderprogramme gesteckt, könne dies das angenommene “Problem” festschreiben und fortführen. Isabell May: “Auch Förderabsichten können also diskriminierend wirken, wenn sie zu Maßnahmen wie dem Zurückstellen, Schulzeitverlängerung oder vermehrter Segregation (bspw. in Form gesonderter Klassen) führen. Diese Prozesse können so Konsequenzen für Identitätsentwicklung und das folgende Leben als Erwachsene haben”.

Sowohl Isabell May als auch Dileta Sequeria stellen ihren praxisbezogenen Ausführungen Passagen theoretischen Grundwissens und Definitionen voran. Bei May geht es um Diskriminierung und Rassismus, und von Sequeria erfahren Leserinnen und Leser etwas über die psychische Erkrankung “Trauma”. Beide Autorinnen betten ihr Thema in bestehende gesellschaftliche Bedingungen ein. Weder diskriminierende oder rassistische Erfahrungen noch Traumatisierungen lassen sich aus ihrer Sicht als lediglich persönliche, individuelle Erfahrungen darstellen. Sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten “Machtverhältnissen”. Immer wieder deuten May und Sequeria darauf hin. Bewusst möchten sie mit ihrer kritischen Haltung und mit ihren Fragen und Analysen ein Gegengewicht schaffen zu herrschenden Diskussionen über Einwanderung, Flucht und Integration. Sie fordern dazu auf, die “Kulturbrille” abzunehmen, um z.B. nicht jedes Verhalten mit der “Herkunftskultur” oder Religion zu erklären.

Müssen Geflüchtete zur Teilnahme an Integrationskursen verpflichtet werden?
Aus dieser Haltung heraus gelingt es ihnen, Erfahrungswelten von geflüchteten und eingewanderten Menschen näher zu bringen – abseits von gängigen Annahmen und Deutungen. May fragt, warum Integrationskurse für Flüchtlinge verpflichtend sind. “Neben den Fragen, ob die Lernverpflichtung
eines erwachsenen Menschen eine legitime politische Maßnahme und eine aus lernpsychologischer Sicht sinnvolle Maßnahme ist, stellt sich auch die Frage, warum überhaupt angenommen wird, Geflüchtete nähmen nicht freiwillig an einem solchen Angebot teil bzw. wären in einem besonderen Maße ‘kulturell zu belehren’.

Die Psychologin Dileta Sequeria spannt einen weiten Bogen zu den Ursachen von Flucht und der Verantwortung der westlichen Welt. Sie zeigt, wie Menschen, die bereits in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht psychische Verletzungen erlitten haben, auch in Deutschland nicht immer Verständnis entgegen gebracht wird. Im Gegenteil, viele Alltagssituationen könnten sogar dazu führen, vorhandenes Leid zu vertiefen. Sequeria erklärt die psychische Erkrankung “Trauma” und erläutert die Vorgänge im Körper und in der Psyche. Sie weist darauf hin, dass psychischer Stress, verursacht durch ein Trauma, Auswirkungen auf das Verhalten und Erleben des Individuums hat. Zum Beispiel, dass dadurch auch die Lernfähigkeit betroffen und reduziert sein kann. Nicht jeder, der schlecht lernen kann, ist dumm – so die Botschaft. Und das Wissen darum, dass traumatisierte Menschen an Schlafstörungen leiden, kann helfen, Verspätungen zum frühmorgendlichen Integrationskurs zu verstehen.

Neben viel Faktenwissen finden sich viele Beispiele aus Praxis und Alltag in dieser Publikation. Weiterführende Literaturhinweise und Handlungsempfehlungen an Lehrende und in der Geflüchtetenarbeit Engagierte, vervollständigen das Werk.

Zur Vertiefung dieser Themen bietet ARIC ein praxisbezogenes Training an.
Die Termine sind: 20.09. in Bochum oder Dortmund; 11.10. in Köln; 08.11. in Duisburg
Für die Teilnehmenden entstehen keine Kosten. Anmeldung für die Trainings bei: may@aric-nrw.de

Download der Handreichung unter http://www.aric-nrw.de/fil/pdf/Handreiche_DaZ.pdf
Die Printversion kann bestellt werden unter http://www.aric-nrw.de/projekt_traumata/

Aynur Koc

Foto: Rainer Sturm / Pixelio.de

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