Mit Herz und Verstand

FrÖzmal_HrTerzic_002Ein Interview mit Leyla Özmal und Marijo Terzic vom Referat für Integration zum Abschluss des Projektes „Offene Altenhilfe“

Seit Juli 2007 gibt es das Referat für Integration. Es soll zum einen die städtischen Aktivitäten zur Integration bündeln und koordinieren, zum anderen Kontakte pflegen zu Vereinen und Verbänden von Migranten, diese beraten und unterstützen. Das Projekt „Offene Altenhilfe“, ein Baustein des mit Landesmitteln finanzierten Informations- und Kommunikationssystem Integration (ISI), setzt an genau dieser Schnittstelle an.

Mitarbeiter aus den von der Stadt geförderten Begegnungs- und Beratungszentren und Vertreter von Migrantenselbstorganisationen haben bei gemeinsamen Treffen überlegt, wie man älteren Migranten den Weg zu den zahlreichen Hilfsangeboten in Duisburg ebnen kann. Für die Leiterin des Referates für Integration, Leyla Özmal, und ihren Stellvertreter, Marijo Terzic, ist die erste Einwanderergeneration einer von vielen Schwerpunkten ihrer Arbeit. Im Interview sprechen die Deutsch-Türkin und der Deutsch-Kroate über die Entwicklung der Migranten-Dienste und über neue Herausforderungen für Deutsche und Zugewanderte.

Wie sah die Beratungs-Situation für ältere Migranten in Duisburg bisher aus?

Terzic: Zunächst gab es die klassische Sozialberatung für ausländische Mitbürger. Sie geht zurück auf die Zeiten der Arbeitnehmeranwerbung. Dabei hatten die großen Wohlfahrtsverbände sich die verschiedenen Nationalitäten untereinander aufgeteilt. Dies wurde später aufgehoben. Es wurden so genannte Fachdienste für Integration und Migration eingerichtet, ebenfalls in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände. Dort gab es praktische sozialarbeiterische Hilfe in allen Lebenslagen.

2007 gab es eine einschneidende Änderung bei der Förderung der Integrationsarbeit. Was ist damals geschehen?

Terzic: Es gab eine knallharte Zäsur. Das Land Nordrhein-Westfalen hat bekanntgegeben, dass es die Einzelfallberatung in den Migrations-Fachdiensten nicht weiter finanziell unterstützen wird. Es hieß, dass nach über 40 Jahren Zuwanderungsgeschichte neue Wege gegangen werden müssten. Integrationsagenturen wurden gegründet, zwar mit einem umfangreichen Aufgabenspektrum, aber ohne die dringend benötigte Einzelfallhilfe. Bis dahin hatte es etwas für diese Menschen gegeben, speziell für sie, und das wurde gekappt. Ich finde zwar auch, dass die interkulturelle Öffnung der Regeldienste vorangetrieben werden muss, gebe aber zu bedenken, dass es auch unverantwortlich ist, den Menschen von heute auf morgen neue Strukturen überzustülpen.

Özmal: Woran auch nicht gedacht wurde: Die Einzelfallberatung war unter den Verbänden aufgeteilt. Bestimmte Verbände hatten sich auf bestimmte Migrantengruppen spezialisiert. Jetzt müssen die Mitarbeiter lernen, mit unterschiedlichem Klientel zurechtzukommen.

Terzic: Die Zuwanderer, insbesondere der ersten Generation, standen plötzlich im luftleeren Raum. Sie wussten nicht, wohin sie gehen sollen. Trotzdem ist es richtig, dass man nicht mehr in alten Gastarbeiter-Strukturen denken kann, wenn die Welt so globalisiert ist und dadurch auch die Zuwanderung so vielfältig geworden ist wie heute.

Özmal: Fakt ist aber, dass die Beratungslandschaft noch nicht interkulturell ausgerichtet ist. Dieser Umbruch muss mit Hochdruck vorangetrieben werden – ausgestattet mit Ressourcen.

Welche Rolle spielt das Referat für Integration bei dieser Entwicklung?

Terzic: Dem Referat kommt eine steuernde Aufgabe zu. Wir sind nicht dazu da, um die Wohlfahrtsverbände zu kontrollieren, sondern, um zu handeln, wenn Defizite erkennbar sind. Die Rolle des Referates ist es, Bedarfe zu erkennen und zusammen mit den Akteuren die Sache anzugehen. Beim Thema Altenhilfe haben wir gesehen, dass eine Problemlage existiert und haben dann versucht, die Betroffenen zusammenzubringen. Die Regeldienste haben oft eine zu hohe Erwartungshaltung an die Migrantenselbstorganisationen. Doch sie müssen erkennen, dass es ohne eine Zusammenarbeit mit den Vereinen nicht geht.

Özmal: Unsere Aufgabe ist es auch, die Stadtgesellschaft insgesamt interkulturell auszurichten. Und da wollen wir in bestimmen Bereichen modellhaft vorgehen. In diesem Fall geht es darum, zu zeigen, dass Migrantenselbstorganisationen sich etabliert haben als Anlaufstelle für ältere Migranten. Und dass, wenn man auf diese Gruppe zugehen will, es nicht ohne Kooperationen geht.

Was macht das Referat für Integration bisher selbst für ältere Migranten?

Terzic: Das Referat gibt es ja erst seit anderthalb Jahren. Doch in den vielen Gesprächen mit Akteuren und Betroffenen verdichtete sich in dieser Zeit für uns der Eindruck, dass etwas getan werden muss für die ältere Generation. Dadurch, dass in der blühenden Zeit der Wirtschaft besonders viele Menschen in unsere Stadt gekommen sind, stellt sich die Frage in Duisburg automatisch.

Özmal: Der Beirat für Zuwanderung und Integration, dessen Geschäftsstelle in unserem Referat verortet ist, hat eine wöchentliche Sprechstunde und die ist sehr hoch frequentiert – auch von älteren Migranten. Denen wird bei allen möglichen Problemen geholfen. Zu uns ins Referat kommen natürlich Menschen mit Migrationshintergrund quer durch alle Altersstufen. Auch junge Leute, die uns wiederum von den Problemen ihrer Eltern erzählen. Wir sind also ständig in Berührung mit diesem Thema.

Terzic: Das Thema ist natürlich auch über das Projekt hinaus weiterhin von Bedeutung für uns. Aber es muss vor allem dort verankert werden, wo es wirklich wichtig ist: in den Köpfen und in den Herzen derer, die in der Stadtverwaltung für das Thema verantwortlich sind. Und bei denen, die vor Ort praktische Hilfe leisten.

Özmal: Es gibt da auch noch zwei wichtige Aspekte: Sich um die älteren Migranten zu kümmern bedeutet, dass man deren Lebensleistung anerkennt. Sie sind als Gastarbeiter gekommen, haben hart gearbeitet und ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand geleistet. Aber Anerkennung haben sie wenig bekommen. Der zweite Aspekt ist, dass die junge Migrantengeneration wenig Erfahrungen mit dem Älterwerden gemacht hat. Die haben ihre Oma und ihren Opa nicht um sich gehabt, sie höchstens einmal im Jahr im Sommerurlaub gesehen. Deshalb müssen auch die Jüngeren für die Bedürfnisse älterer Menschen sensibilisiert werden, zum Beispiel wie sie ihren Eltern die nötige und richtige Pflege zukommen lassen können.

Terzic: Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass es besonders in den Migranten-Communitys eine große Erwartungshaltung den Kindern gegenüber gibt, aber diese Erwartungshaltung bröckelt. Es ist ja nicht so, dass die Jungen ihre Eltern nicht pflegen wollen, aber in der heutigen Zeit, unter den heutigen Lebensumständen ist es einfach nicht immer möglich, auch wenn man es eigentlich gerne möchte. Auch für diesen Konflikt müssen die zugewanderten Kreise sensibilisiet werden. Und natürlich brauchen sie noch viel mehr Informationen darüber, was in unserer Stadt alles möglich ist. Es gibt so vieles, was man im Alter noch tun kann. Es gibt Reisen, es gibt Kurse.

Özmal: Das stimmt, aber die Bildungseinrichtungen müssen sich auch öffnen. Auf beiden Seiten muss eine Öffnung stattfinden.

Terzic: Noch ist das Thema alte Migranten in der Öffentlichkeit nicht das dringlichste, doch es tritt immer mehr in den Vordergrund. Wir müssen uns jetzt mit dem Thema auseinandersetzen – mit Herz und Verstand.

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